Dr. Anuschka Albertz, Ravensburger ist als Verlag für Kinderbücher und Klassiker der Jugendliteratur bekannt. Warum bauen Sie den Bereich politisches Jugendsachbuch aus?
Der Ravensburger Verlag hat eine lange Tradition in der Thematisierung politisch relevanter Themen – im Sachbuch und in der Jugendliteratur. Romane wie ,Die Welle‘ von Morton Rhue oder ,Als Hitler das rosa Kaninchen stahl‘ von Judith Kerr sind bis heute im Verlagsprogramm. Wir beobachten, dass diese Bücher in den vergangenen Jahren wieder stark nachgefragt werden – ein deutliches Zeichen dafür, wie groß der Bedarf an einer jugendgerechten Auseinandersetzung mit politischen Themen ist.
Im Sachbuchbereich fehlen aktuell in unserem Programm und sogar im gesamten Markt zeitgemäße Titel für die Altersgruppe.
Dabei hatte Ravensburger schon politische Sachbücher für junge Leserinnen und Leser im Programm. Warum wurden sie eingestellt?
Wir haben inhaltlich sehr gute und höchst informative Sachbücher von Hermann Vinke[1] verlegt. Allerdings passen diese heute nicht mehr zu den veränderten Lesegewohnheiten Jugendlicher. Sprache, Textmenge und Bildkonzepte haben sich stark gewandelt. Jugendliche sind heute kürzere, visuellere und interaktivere Formate gewohnt. Sie informieren sich schnell, meist über digitale Kanäle, und erwarten auch von Büchern nicht nur gut aufbereitete Information, sondern Abwechslung und Beteiligung.
Politische Themen wie Antisemitismus, Rassismus oder Krieg sind komplex und können belastend sein. Gibt es da aufseiten der Eltern Berührungsängste?
Natürlich versuchen viele Eltern, ihre Kinder vor schwierigen Themen zu schützen – und das ist absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig kommen Kinder und Jugendliche mit diesen Themen im Alltag früh in Berührung: in den Nachrichten, in sozialen Medien, im schulischen Umfeld und Freundeskreis. Sie haben Fragen, fühlen sich aber unsicher, wie sie diese einordnen sollen. Das betrifft oft auch ihre Eltern.
Die Idee für die Eintragebücher der Reihe „Let’s talk about“ entstand aus einer Zielgruppenbefragung. Unsere Ausgangsthese war, dass Zehn‑ bis Vierzehnjährige ein großes Interesse an politischen Themen haben. Das hat sich bestätigt: Jugendliche beschäftigt der Krieg in der Ukraine, sie nehmen auch alle sonstigen weltpolitische Ereignisse unserer Zeit wahr. Sie erleben und sehen Rassismus und Antisemitismus – online wie offline. Bei all dem fehlt häufig ein sicherer Raum für Einordnung und Austausch.
Sollte diese politische Bildung nicht in der Schule stattfinden? Warum braucht es zusätzlich Sachbücher für zu Hause?
Natürlich ist politische Bildung ein zentrales Thema an der Schule. Allerdings wird Nationalsozialismus und Holocaust erst in der Mittelstufe behandelt. Andere Inhalte, wie Friedenspädagogik oder Rassismus, werden beispielsweise bei Projekttagen diskutiert. Gleichzeitig besitzen Jugendliche schon früh Smartphones und werden hier auch mit politischen Meinungen oder rassistischen oder antisemitischen Inhalten konfrontiert – bewusst und unbewusst.
Der wichtigste Ort für Gespräche über diese Themen bleibt aber am Ende das Elternhaus. Auch die Jugendlichen haben uns das so rückgemeldet. Sie wünschen sich daher Bücher, die informieren, aber auch persönliche Perspektiven bieten – biografische Einblicke, O‑Töne von Betroffenen oder von Expertinnen und Experten, die sich fachlich mit diesen Themen beschäftigen.
Das erklärt die besondere Form der neuen Reihe als Eintragebuch?
Genau. Jugendlichen geht es nicht nur um Fakten, sondern um persönlichen Zugang. Sie möchten ihre Gedanken festhalten, Fragen formulieren, ihre Position reflektieren. Unsere Bücher der neuen Reihe bieten Raum dafür.
Für die Umsetzung arbeitet Ravensburger mit erfahrenen Partnern zusammen. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?
Uns war wichtig, mit Bildungsinstitutionen zu arbeiten, die Jugendliche auf Augenhöhe erreichen und komplexe Themen fundiert und multiperspektivisch vermitteln können. Deshalb haben wir für die Bände ,Frieden und Kriege‘ und ,Antisemitismus‘ gezielt nach Stiftungen gesucht, die politische Bildungsarbeit für junge Menschen leisten. So entstanden die Kooperationen mit der Berghof Foundation und der Bildungsstätte Anne Frank.
Welche Rolle spielt diese Expertise für die Vermittlung der Bücher?
Durch die langjährige Erfahrung und das Renommee unserer Partner werden auch Lehrkräfte und andere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auf die Bücher aufmerksam. Sie können darauf vertrauen, dass die Inhalte fachlich fundiert und altersgerecht aufbereitet sind. Das stärkt die Akzeptanz der Reihe im privaten Umfeld und darüber hinaus.
Warum ist es aus Ihrer Sicht Aufgabe eines Kinder‑ und Jugendbuchverlags, sich mit politischer Bildung zu befassen?
Als einer der führenden deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlagen sehen wir uns in der Verantwortung, Kindern Fähigkeiten und Werte zu vermitteln. Dazu gehört auch das Wissen über die heutige Welt und die Fähigkeit, diese eigenständig zu reflektieren, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Diesen Anspruch setzt „Let’s talk about“ für Jugendliche um?
Unser großes Kindersachbuchprogramm richtet sich an Kinder von zwei bis zehn Jahren. Mit unserer neuen Reihe bieten wir jetzt auch Jugendlichen interaktive, partizipative Bücher, die unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen. Auch der Berghof Foundation und der Bildungsstätte Anne Frank war es in der Umsetzung wichtig, die Komplexität der Themen nicht zu vereinfachen, sondern unterschiedliche Sichtweisen darzustellen – und Konflikte nicht auszublenden. Denn nur dadurch können Jugendliche lernen, sich fundiert eine eigene Meinung und Haltung zu erarbeiten.
Fußnote zu Hermann Vinke
[1] Hermann Vinke ist ein deutscher Hörfunkjournalist und Sachbuchautor. Er wandte sich insbesondere an jugendliche Leser, um ihnen die NS-Vergangenheit und den Widerstand dagegen nahezubringen. Seine Bücher, von denen einige bei Ravensburger im Programm waren, sind als wertvolle Zeitzeugnisse und Bildungsmaterialien anerkannt. Eines seiner bekannten Werke, das im Ravensburger Buchverlag verlegt wurde, trägt den Titel „Hoffentlich schreibst Du recht bald“.
Über Ravensburger
Die Ravensburger AG ist eine internationale Unternehmensgruppe mit mehreren renommierten Spielwarenmarken. Ihre Mission lautet: „Wir inspirieren Menschen zu entdecken, was wirklich wichtig ist.“ So fördern Ravensburger Angebote das Miteinander, vermitteln Wissen und soziale Fähigkeiten, bieten Entspannung und schaffen bleibende Erinnerungen. Die bedeutendste Marke des Unternehmens, das Ravensburger blaue Dreieck, ist eine der führenden europäischen Marken für Spiele, Puzzles und Kreativprodukte sowie für deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher. Weltweit werden Spielwaren mit dem blauen Dreieck verkauft. Zudem erweitern die internationalen Marken BRIO und ThinkFun das Angebot der Unternehmensgruppe. Ravensburger ist seit seiner Gründung 1883 ein Familienunternehmen, geprägt von Tradition und gewachsenen Werten. 2025 erwirtschafteten 2.515 Mitarbeiter einen Umsatz von 744 Millionen Euro.* Ravensburger unterhält eigene Werke in Ravensburg und Polička, Tschechien.
* Stand 01/2026







