Zeitbombe im Maschinenraum: Wenn Deutschlands kritische Infrastruktur ihr Wissen verliert
© Gluu-Analyse: Jeder vierte erfahrene Mitarbeiter im deutschen Energiesektor geht in den nächsten fün

Zeitbombe im Maschinenraum: Wenn Deutschlands kritische Infrastruktur ihr Wissen verliert


Ganze 24% der erfahrensten Beschäftigten in Deutschlands Energie- und Versorgungssektor stehen vor der Rente – zu einem Zeitpunkt, in dem Energieschocks, hybride Kriegsführung und Krisen mehr Resilienz verlangen als je zuvor.

Deutschlands Energiesektor altert schneller, als er sich erneuert. Rund 24%* der Belegschaft sind zwischen 55 und 74 Jahre alt – Menschen, die in den kommenden Jahren ausscheiden und dabei Wissen mitnehmen, das kaum je aufgeschrieben wurde. In den Niederlanden liegt dieser Anteil bei 21%, in Skandinavien im Schnitt bei 23%. Deutschland trägt als größter Energiemarkt Europas das größte Risiko.

Søren Pommer, Gründer und CEO von Gluu, einem dänischen Softwareunternehmen, das Organisationen in regulierten Branchen berät, kennt dieses Problem aus der Praxis: »Was die Menschen beim Ausscheiden mitnehmen, sind nicht ihre Werkzeuge – es ist ihr Wissen. Jahrzehnte Erfahrung darin, unter außergewöhnlichen Bedingungen zu arbeiten, Frühwarnsignale zu erkennen, zu improvisieren, wenn etwas schiefläuft. Dieses Wissen sichert die Resilienz von Energieversorgern. Und es ist strukturell undokumentiert.«

Eine neue Ära der Unberechenbarkeit

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg agiert Europa nicht mehr unter normalen Bedingungen. Russlands Krieg in der Ukraine löste eine Energiekrise aus, die zeigte, wie schnell Versorgungsannahmen kollabieren können. Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf globale Energiemärkte und Transitrouten. Sicherheitsbehörden in Deutschland, den baltischen Staaten, Skandinavien und den Niederlanden haben gezielte Sabotage an kritischer Infrastruktur dokumentiert – Kabel, Pipelines, Netzleitsysteme. Klimaereignisse verschärfen den Druck zusätzlich.

In diesem Umfeld ist die entscheidende Ressource nicht die Infrastruktur – es sind die erfahrenen Menschen, die sie am Laufen halten, wenn alles schiefläuft. Kaskadierende Störungen, unerwartete Systemwechselwirkungen, die Entscheidung in Sekundenbruchteilen, die über Stunden oder Wochen Ausfall bestimmt: Das meistern erfahrene Ingenieure. Wenn diese Erfahrung in Rente geht, wird jede Lücke zur potenziellen Schwachstelle.

»In einer stabilen Welt ist undokumentiertes Wissen ein Managementproblem. In einer Welt aus Sabotage, Energieschocks und kaskadierenden Krisen ist es ein Sicherheitsrisiko. Wenn bis zu 24% Ihrer erfahrensten Mitarbeiter in Rente gehen, verlieren Sie nicht nur Köpfe – Sie verlieren das Urteilsvermögen, das kein Onboarding-Programm ersetzen kann.«

— Søren Pommer, CEO, Gluu ApS

Was lässt sich dagegen tun?

Pommers Antwort: »Fangen Sie täglich an, die Köpfe der Menschen zu entleeren – implizites Wissen in Prozesse und Arbeitsanweisungen zu überführen, die Kollegen und Nachfolger wirklich anwenden können. Wir nennen das die Überführung von implizitem Wissen in institutionelles Wissen. Das schafft echte Resilienz.«

In der Praxis scheitert das regelmäßig aus zwei Gründen: Zeit und Methodik. »Erfahrene Spezialisten können ihr implizites Wissen oft nicht in Worte fassen – und die Infrastruktur, es systematisch zu erfassen, fehlt häufig. Moderne Prozessplattformen schließen diese Lücke: täglich erstellte, geführte Dokumentation durch die arbeitenden Menschen selbst, KI-gestützte Erstellung von Arbeitsanweisungen und klare Verantwortlichkeiten für die Wissenspflege.«

Für Deutschlands Energieversorger ist Wissensmanagement keine optionale HR-Maßnahme mehr. Die demografische Uhr tickt – unabhängig davon, was Russland, der Nahe Osten oder das Klima als nächstes auf den Sektor zuwerfen.

* Konservative Schätzung: ~60% der 55- bis 74-jährigen Beschäftigten scheiden voraussichtlich innerhalb von 5 Jahren aus. Datenquelle: Eurostat-Arbeitskräfteerhebung 2023, Sektor D35 (Energieversorgung). Analyse von Gluu.

Hinweis für Redaktionen: Die vollständige Datenanalyse von Gluu auf Basis der Eurostat-Arbeitskräfteerhebung 2023 (Sektor D35; Länder: Deutschland, Österreich, Dänemark, Niederlande, Norwegen, Schweden) steht auf Anfrage zur Verfügung.


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